Die Insubrische Linie
Alle Ausstellungen02.06 – 13.10.2024
Mit Werken von
Liliana Angulo Cortés, Sammy Baloji, Binta Diaw, Abdessamad El Montassir, Alessandra Ferrini, Ufuoma Essi, Kapwani Kiwanga, Francis Offman, Vashish Soobah, Betty Tchomanga, The School of Mutants
Kuratiert von
Lucrezia Cippitelli, Simone Frangi
Die Insubrische Linie ist die Auftaktausstellung im Rahmen von The Invention of Europe. A tricontinental narrative (2024-2027) – ein auf drei Jahre angelegtes kuratorisches Programm. Das von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi für Kunst Meran konzipierte Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm lädt ein, kritisch über die Idee eines einheitlichen, monolithischen Europas und seine bedeutungsschwangere (essentialistische) Selbsterzählung nachzudenken. Den Ausgangspunkt bildet die mehrsprachige Region Südtirol zwischen dem ‘modernen’ Italien und Österreich, dessen Gemeinschaften im Laufe der Jahrhunderte ohne große Rücksicht auf die tatsächlichen regionalen Gegebenheiten von unterschiedlichen, teils gegnerischen politischen und wirtschaftlichen Kräften regiert wurden.
Der Programmtitel ist inspiriert von The Invention of Africa des kongolesischen Philosophen Yves Valentin Mudimbe, der die Idee Afrikas als eine moderne Erfindung beschreibt, welche sowohl mit der europäischen kolonialen - exotistischen und rassistischen - Vision als auch mit der idealisierten Projektion seiner globalen Diaspora verbunden ist. In den drei Jahren von 2024 bis 2027 werden Künstler*innen aus Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien eingeladen, die Identität Europas, die sich seit der Renaissance bis hin zur Gegenwart herausgebildet hat, aufzudecken und zu hinterfragen: eine Reflexion, die an die Jahrzehnte trikontinentaler Bündnis- und Solidaritätsstrukturen während der Dekolonisierung erinnert.
Die Gruppenausstellung versammelt mehrere Künstler*innen, die mit dem afrikanischen Kontinent verbunden sind - mit besonderem Augenmerk auf jene, die in Italien und Österreich tätig sind. Sie setzen sich mit der spekulativen Vorstellung der Insubrischen Linie auseinander, die sich wie eine Naht an der Erdoberfläche - entstanden durch die Kollision der eurasischen und der afrikanischen tektonischen Platte - durch die Stadt Meran zieht. Während der Jurazeit waren Afrika und Europa durch einen erdhistorischen Ozean, das Tethysmeer, getrennt. In späteren Epochen schob sich die afrikanische Platte nordwärts in Richtung der eurasischen und verursachte eine allmähliche Schließung des Tethysmeeres, die in der Kollision der beiden Platten gipfelte. Als sich die eurasische Platte unter die afrikanische schob, bildete sich aus letzterer das mineralische Material, aus dem die Alpen bestehen.
Die Insubrische Linie, deren Komposition das Ergebnis der Verschmelzung von „mehr-als -menschlichen“ Substanzen ist, ist eine materielle Metapher, die die Komplexität der Entstehung des heutigen Europas veranschaulicht. Die Erzählung von der europäischen Identität und Reinheit wird durch die geologische Realität dekonstruiert: Das orographische Bild der Linie, die heute als Narbe sichtbar ist, materialisiert die Komplexität der Geschichte, die vor 65 Millionen Jahren mit dem Aufeinandertreffen von Afrika und Europa begann.
Die Ausstellung lädt die Besucherinnen und Besucher ein, in eine vielgestaltige Erzählung über die Beziehung zwischen Europa und Afrika einzutauchen. Die Erzählung besteht aus Beiträgen von elf zeitgenössischen Künstler*innen, von denen einige eigens für diese Schau geschaffen wurden. So zum Beispiel die Werke von Binta Diaw (Mailand, Italien, 1995) und Francis Offman (Butare, Ruanda, 1987). Beide setzen sich mit dem Thema Extraktivismus auseinander und beleuchten die Geschichten alltäglicher Rohstoffe wie Kaffee und Karkadeh, aus dem Malventee hergestellt wird. Binta Diaw hat für Kunst Meran sowohl eine Installation als auch eine Textilarbeit realisiert, die auf die koloniale Beziehung Italiens zu Afrika in der Zeit des Faschismus zurückblicken. Die Verwendung von Karkadeh verweist auf die Rolle, die dieses Getränk in den 1930er Jahren spielte, als es in Italien als "Kolonialprodukt" verbreitet und sein Konsum als "Tee der Italiener" im Rahmen der autarkischen Politik des Regimes gefördert wurde. In den Bildern der Serie Untitled greift Francis Offman hingegen die Verwendung von Kaffee auf, um an eine komplexe Geschichte anzuknüpfen, die mit imperialistischen Handelswegen und der kolonialen Ausbeutung von Ressourcen, aber auch mit heutigen neoliberalen Formen transkolonialer Herrschaft verbunden ist.
Die Videoarbeiten von Alessandra Ferrini (Florenz, Italien, 1984) und Abdessamad El Montassir (Boujdour, Marokko, 1989) laden mit zwei unterschiedlichen Ansätzen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte ein. Ferrini bringt uns dazu, über das System von Sichtbarkeit und Verdrängung nachzudenken, das die italienische (Nicht-)Erinnerung an die eigene koloniale Vergangenheit prägt. Das Video Sight Unseen ist das Ergebnis einer komplexen Recherche über die Figur von Omar al-Mukhtar, dem Anführer des libyschen Widerstands gegen die italienische Besatzung, der 1931 in der Cyrenaika verhaftet und hingerichtet wurde. Die Installation Trab'ssahl von El Montassir, die sich aus drei Videos (#1 - Abdnou, #2 - Mokhtar und #3 - Shérif) zusammensetzt, wirft stattdessen einen Blick auf die Westsahara, Schauplatz eines oft ignorierten Konflikts, der seit mehr als 50 Jahren andauert, und lässt uns verborgenen - menschlichen und nicht-menschlichen - Stimmen lauschen, Zeugen einer traumatischen Vergangenheit.
Liliana Angulo Cortés (Bogotá, Kolumbien, 1974) und Kapwani Kiwanga (Hamilton, Kanada, 1978) präsentieren eine Neubearbeitung von Archivmaterial, die darauf abzielt, vorherrschende Codierungen und Unterordnungen in Frage zu stellen und die Rolle der Botanik in verschiedenen Kontexten und Epochen zu untersuchen. In Un caso de reparación (2015 - laufend) untersucht Angulo Cortés die botanische Expedition von José Celestino Mutis nach Nueva Granada an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, deren Geschichte die engen Verbindungen zwischen den kolonialen wissenschaftlichen Bemühungen zur Erforschung und Katalogisierung außereuropäischer Pflanzen, der europäischen Bergbauindustrie und der Sklaverei in Amerika aufzeigt. Kiwangas Serie Flowers for Africa hingegen interpretiert die Blumenarrangements der Unabhängigkeitszeremonien in 54 afrikanischen Ländern neu, indem sie die verschiedenen Arten identifiziert, ihre Herkunft erforscht und die Verbindungen zwischen ihnen und den späteren kommerziellen Entwicklungen hinterfragt.
The School of Mutants’ (Kunstkollektiv, 2018) informeller und flexibler Raum zielt darauf ab, die Kultur der trikontinentalen und antikolonialen politischen Beziehungen (die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im sogenannten 'Globalen Süden' entwickelt haben) in Form einer unkonventionellen radikalen Bildung in Europa zu verbreiten.
Am Samstag, 21. September findet ein vielfältiges Performance-Programm in Zusammenarbeit mit Transart statt. Das Kunstkollektiv The School of Mutants (2018) organisiert eine interaktive Parade durch die Straßen Merans und lädt Interessierte zu einem Nachmittag mit Workshops, Diskussionen und Vorträgen ein. Die behandelten Themen umfassen die Kultur der trikontinentalen und antikolonialen politischen Beziehungen, die sich im so genannten 'Globalen Süden' entwickelt haben und somit die Kernthemen des Kollektivs widerspiegeln. Betty Tchomanga (Charente-Maritime, Frankreich, 1989) präsentiert ein Tanzsolo, das der mythologischen Figur der Mami Wata gewidmet ist. Die Wassergöttin - eine mythologische Figur aus Benin, Kamerun, Kongo, Brasilien und Kuba - verkörpert einige der Ambivalenzen und Widersprüche, die die Kolonialgeschichte hervorgebracht hat. Alessandra Ferrini (Florenz, Italien, 1984) vervollständigt durch eine Lecture Performance ihre Präsenz in der Ausstellung, indem sie durch die Stimulation von Worten, Klängen und Bildern den inhaltlichen Aspekten ihrer Recherche eine audiovisuelle Form verleiht.
Am Samstag, 12. Oktober folgt Ufuoma Essi (London, Großbritannien, 1995), die mit ihrem Film Is My Living in Vain eine Meditation über die Geschichte der Schwarzen Kirche als Raum der Zugehörigkeit und der gemeinschaftlichen Organisation nach Meran bringt.
Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand durch eine Reihe von Aktivierungen von Werken und Ausstellungsräumen ergänzt. Die Student*innen des Studiengangs Visual Cultures and Curatorial Practices werden im Rahmen einer kuratorischen Residenz Recherchen durchführen, welche die Veröffentlichung eines zweiwöchigen Bulletins zu den in Die Insubrische Linie präsentierten Themen und Werken beinhalten.
Mit dieser Auftaktausstellung des dreijährigen Programms The Invention of Europe beginnt die Zusammenarbeit von Kunst Meran mit dem Grafikdesigner Montasser Drissi, der das Programm während der gesamten drei Jahre grafisch begleiten wird.



